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Interreligiöse Gedenkfeier in Erinnerung der Terroranschläge des 11. September 2001Rede des Oberbürgermeisters am 11. September 2011 in der CityKirche KonkordienAnrede Zunächst möchte ich Dekan Eitenmüller und dem Forum der Religionen danken für die Initiative zu dieser interreligiöse Gedenkfeier. Sie knüpft an den Gottesdienst vor zehn Jahren und zur 1. Wiederkehr vor neun Jahren an. Ich danke für das Angebot, an ihr mitwirken zu können. Eine interreligiöse Gedenkveranstaltung ist ein besonderes Zeichen, das einmal mehr ausgeht von unserer Stadt und in die Stadtgesellschaft hinein. Ein Zeichen, das notwendig ist, denn die Folgen des 11. September 2001 sind noch lange nicht überwunden. Das bedarf der Anstrengung. Der Satz „Die Zeit heilt alle Wunden“ ist leider nicht wahr. Ohne Zutun heilt die Zeit nichts, sie kann Schlechtes auch verfestigen. Vor zehn Jahren ist Unfassbares geschehen. Der 11. September 2001 ist verbunden mit apokalyptischen, fast surreal anmutenden Bildern, die uns aufrüttelten, die die Welt tatsächlich veränderten. Die Bilder der Terroranschläge in den Vereinigten Staaten haben sich in unserem Gedächtnis eingebrannt, haben einen kollektiven Schock bewirkt, und das war das Ziel. Dennoch haben die Attentäter ihre unmittelbaren Ziele letztlich nicht erreicht. Al Qaida ist nicht stärker geworden und der gewaltbereite islamische Fundamentalismus erfährt nicht mehr den stetigen, ungebremsten Zustrom wie noch vor einigen Jahren. Die Anschläge des 11.09. haben ihn auch in seiner tödlichen Konsequenz und abstoßenden Unmenschlichkeit kenntlich gemacht. Aber die Folgen des 11.09. sind dennoch vielfältig und dramatisch: Militäreinsätze und Gewalt sind zu einem weit selbstverständlicheren Mittel der Politik geworden als sie es zuvor waren. Nach Schätzungen sind eine Million Opfer des Irakkrieges und der Auseinandersetzungen danach zu beklagen. Nach Auffassung des Nobelpreisträgers für Wirtschaftswissenschaft, Joseph Stiglitz, haben die ökonomischen Folgen des Irakkrieges letztlich mit die Ursache für die Finanzkrise und damit die Weltwirtschaftskrise gesetzt. Der Islam ist weltweit unter den Generalverdacht des Terrorismus und der Menschenfeindlichkeit geraten. Misstrauen ist entstanden, Gräben sind aufgerissen. In fast allen westlichen Ländern sind islamophobe, populistische Parteien entstanden. Die politische Rhetorik hat sich verschärft. Und wir wissen. Dies kann neues Unheil hervorrufen. Wie es Johannes Rau einmal formulierte „Anstand beginnt mit der Sprache. Unworte können Untaten hervorrufen.“ Diejenigen, die Unworte verwenden, dürfen sich, wenn Untaten folgen, nicht darauf berufen, dass sie Untaten nicht gewollt hätten. Wir alle sind also betroffen. Und wir alle sind somit auch gefordert, im Alltag praktikable Antworten zu finden. Dabei können wir nach zehn Jahren feststellen, dass uns Konflikt- und Endkampfszenarien nicht einer Lösung näher gebracht, sondern zurückgeworfen haben. Und gerade die letzten Monate mit Blick auf die islamische Welt zeigen uns, dass die Welt vielgestaltiger und differenzierter ist, als die Schwarz-Weiß-Maler uns glauben machen wollen. Für mich ist der Ausgangspunkt für die Frage, was richtiges Handeln ist, zunächst die Betrachtung dessen, was eigentlich am 11.09. angegriffen wurde. War das wirklich allein ein Angriff auf die imperiale Supermacht USA oder auf das kapitalistische Finanzsystem, wie viele in ersten Stellungnahmen das vor zehn Jahren hier interpretierten? Oder war es ein Angriff des Islam, den es nun galt abzuwehren? Für mich war und ist der Angriff auf New York, das World Trade Center, ein Angriff auf die offene Gesellschaft. Auf eine Gesellschaft, die keine Absolutheitsansprüche zulässt. Und genau das ist die unerträgliche Zumutung für jeden Fundamentalisten. Offenheit und Freiheit sind die Ideale, die ausgerechnet im Namen Gottes attackiert werden sollten. Dabei: Was könnte Gott gefälliger sein als das Zusammenleben von Menschen aller Nationen unterschiedlichster Herkünfte und Werthaltungen? Genau dafür steht New York. Und genau dagegen richtete sich der Hass der Al Qaida, aber nicht nur ihr Hass. Dieser Hass gegen die offene Gesellschaft findet sich in den unterschiedlichsten Milieus und politischen Orientierungen. Die Anschläge von Oslo und der norwegischen Ferieninsel Utoya sind ebensolche Zeugnisse des Hasses gegen die offene Gesellschaft, gegen das Bemühen um Ausgleich, um Verständnis, um zivilisiertes Zusammenleben in Unterschiedlichkeit. Darauf kann es nur eine Antwort geben: Eine Verstärkung unserer Anstrengungen, die Grundlagen der offenen Gesellschaft zu stärken. Eine der schwierigsten Fragen der Moderne ist damit wieder mit größter Aktualität auf die Tagesordnung zurückgekehrt: die Gretchenfrage. Die Frage nach der Religion in der offenen Gesellschaft. Der Verzicht auf die Durchsetzung einer absoluten, weil göttlichen Wahrheit oder gar die Relativierung dieser Wahrheiten ist alles andere als ein selbstverständlicher, aber ein unverzichtbarer zivilisatorischer Schritt. Für uns in Deutschland steht für diesen Schritt Lessings „Nathan der Weise“. Und hier bin ich auch bereit, von Leitkultur zu sprechen. Denn die hier vertretene Haltung der Aufklärung ist unveräußerlicher Teil und Grundlage unseres Denkens und unserer Kultur, auf der dieses Staatswesen gründet. Dass es im Glauben keinen Zwang geben dürfe, wie der Koran formuliert, ist dabei eine zentrale, wichtige Basis. Ein Ausgangspunkt des Dialogs. Aber der Verzicht auf Zwang allein kann einer offenen, freien Gesellschaft nicht genügen. Auch die Herabwürdigung anderer Glaubensüberzeugungen, anderer Lebensformen ist nicht verträglich für ein Zusammenleben in modernen Gesellschaften. Genauso gehört die Anerkennung der staatlichen religiösen Neutralität zu den historischen, unverzichtbaren Errungenschaften. Die religiöse Begründung staatlichen Handelns verträgt sich nicht mit der offenen Gesellschaft. Religiöse Begründungen stärken das westliche Demokratiemodell in der Auseinandersetzung um die Frage des Leitmodells für die Welt nicht, sondern schwächen sie. In der Folge des 11.Septembers ist aber genau dies geschehen, wenn wir an die politischen Debatten in den USA denken oder auch an die neue ungarische Verfassung. Offensichtlich vertrauen wir unseren eigenen Stärken und der Attraktivität des demokratischen Modells selbst zu wenig und lassen uns dann überraschen vom Freiheitswillen in der arabischen Welt, der sich genau nach diesen fundamentalen Freiheiten sehnt. Die klare Trennung staatlichen Handelns von der Religion und religiösen Begründungen heißt nicht, dass Kirchen und Religionsgemeinschaften nicht eine besondere und wichtige Rolle spielen. Nicht von ungefähr nehme ich an zahlreichen Veranstaltungen, auch der heutigen, teil. Denn die Bewahrung der offenen Gesellschaft bedarf der Anstrengung, sie verlangt viel von allen gesellschaftlichen Kräften. Der Glaube, Kirchen, Religionsgemeinschaften können hier viel leisten und leisten viel. Sie bieten Orientierung, Halt, Wertvermittlung, Selbstvergewisserung. Sich dem anderen zu öffnen, ist in allen Religionen ein Orientierung gebendes Gebot. Das Gebot, dem anderen mit Verständnis zu begegnen, ist Teil des Weltethos. Das ist ein Ansatzpunkt für konkretes Handeln. Denn nach den Erfahrungen des 11. September und der seitherigen Folgen ist die entscheidende Fähigkeit für die positive Gestaltung unserer Zukunft die Empathie: die Fähigkeit und die Bereitschaft, sich in andere einzufühlen. Ohne Empathie kommen wir immer wieder zu falschen Schlüssen, verschlechtern wir unsere Umwelt, anstatt sie zu verbessern. Den anderen zu verstehen, heißt dabei nicht, seine Position zu teilen. Empathie ist auch keine Leistung, für die eine Gegenleistung zu verlangen ist, nach dem Motto „ich will dich nicht verstehen, wenn du mich nicht verstehen willst“. So diskutieren wir aber oft das Verhältnis von Mehrheitsgesellschaft und Zuwanderern, von Christen und Muslimen. Diejenigen, die andere in ihren Motiven verstehen können, haben für sich immer einen Vorteil, weil sie mehr wissen, weil sie letztlich ihr Verhaltensspektrum erweitern können. Weil sie Verletzungen vermeiden können, die später auch sie wieder schädigen. Wir verlieren also nichts durch Empathie, wir gewinnen nur. Die Anforderung, „auch die andere Wange hinzuhalten“, mag uns oft zu groß erscheinen, zumindest „auch den anderen zu verstehen“ ist dagegen eine kleine Leistung. Sie aber müssen wir erbringen, wenn wir nicht wollen, dass wir weiter auseinanderdriften. Und das ist nach dem 11. September geschehen: In der Gesellschaft insgesamt sicher mehr als in unserer Stadt. Dass wir das Misstrauen nicht haben Überhand nehmen lassen in unserer Stadt, dazu haben viele beigetragen, wofür ich mich herzlich bedanke. Ich möchte Sie ermutigen und bitten, diesen Weg weiterzugehen. Unter den Opfern des 11. September waren Menschen aus aller Welt, Angehörige aller Religionen genauso wie Agnostiker und Atheisten. Ihnen und den Opfern, die folgten, wollen wir heute gedenken. Zu diesem Gedenken gehört, sich für das friedliche Zusammenleben zu engagieren und dafür eine gemeinsame tragfähige Wertebasis zu entwickeln. Das können wir nur im Dialog. |
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